Via Algarviana GR 13 Gastbeitrag April 2023
Via Algarviana – Alleine, im Zelt, als Frau.
Bald soll es wieder losgehen auf eine Fernwanderung. Aber wohin diesmal? Es schwirren mir so viele Ideen im Kopf herum, welche soll ich nun verwirklichen? Als erstes Wetter und Flüge anschauen. Portugal hat da die Nase vorn. Vor ein paar Jahren, als ich schon einmal am Cabo de São Vicente war, habe ich ein Schild der Via Algarviana gesehen und diese steht seitdem auf meiner Wunschliste. Warum nicht? Also den Weg herunterladen und mal anschauen, wie das mit der Verpflegung aussieht. Hm?!?! Besser mal bei meiner Wanderfreundin Ingrid nachfragen, schließlich hat sie den Weg schon gemacht. Mit einigen guten Ratschlägen bin ich jetzt schonmal ausgestattet. Ein kleiner Wanderführer musste dann auch noch her. Das Büchlein ist von 2019 und nicht mehr ganz aktuell, war mir aber trotzdem ein guter Begleiter. Geflogen bin ich bis Faro und habe dort übernachtet, bevor ich am nächsten Tag mit dem Zug bis Vila Real de Santo António und dann mit dem Bus nach Alcoutim gefahren bin. Nun konnte endlich meine Wanderung starten. Bei dem Schild 300 Kilometer bis Cabo de São Vicente fühle ich mich glücklich und bin gespannt auf den Weg, der vor mir liegt. Endlich kann ich das machen, was ich so sehr liebe und mich mit Freude erfüllt: wandern und Land und Leute auf diese Art kennenlernen.
Gastbeitrag von Evelyne Outdoors Wanderführerin

Ich bin glücklich und dankbar, zu Fuss unterwegs sein zu können.
Mein Tagesablauf wird bestimmt vom Rhythmus der Natur. Ich schlafe, wenn es dunkel wird und wache auf, wenn der Tag beginnt, es hell wird, die Vögel zwitschern und die Natur erwacht. Nach einem mehr oder weniger guten Frühstück baue ich mein Zelt ab, packe meinen Rucksack und wandere los. Ich brauche immer nur den nächsten Schritt zu machen, einen Fuss vor den anderen zu setzen. Dabei kann ich die wunderschöne Natur im Hinterland der Algarve bewundern. Es geht fast ständig bergauf oder bergab; ich habe den Eindruck, dass hier alles schräg ist. Ich sehe wunderschöne Pflanzen, Bäume, Blumen und Tiere, wandere durch kleine und winzige Dörfchen mit teils verfallenen Häusern. Oft sitzen die älteren Dorfbewohner draußen im Schatten und lächeln mir zu. Zum Glück habe ich im Flugzeug ein paar Worte Portugiesisch gelernt, um nach Wasser oder einem Supermarkt fragen zu können. Die meisten Menschen sprechen nämlich nur Portugiesisch. Aber die Verständigung klappt irgendwie mit etwas Pantomime und viel Offenheit auf beiden Seiten. Meine Gedanken drehen sich meist um meine Verpflegung: wo finde ich Wasser, wo kann ich essen? Der Weg hat mich gut versorgt. Meine Wasserflaschen konnte ich immer wieder füllen, in Bars oder Restaurants, an Dorfbrunnen, bei Menschen zu Hause, sogar einmal bei einem Trupp Motorradfahrer. Gegessen habe ich immer dann, wenn es etwas zu essen gab: eingekauft im Supermarkt für unterwegs und in jedem Café oder Restaurant auf meinem Weg. Auch wenn die Küche (noch oder schon) geschlossen war, bin ich immer lieben Menschen begegnet, die dann trotzdem etwas für mich zubereitet haben. So gab es oft ein Prato do dia (Tagesgericht), eben einfach das, was gerade da war. Häufig ist die Dorfbar auch ein kleiner Minimarkt und wenn es wirklich nichts anderes gab, dann belegte Brötchen für unterwegs.
Wenn man mit dem Zelt wandert ohne feste Unterkunft, wird auch die tägliche Körperpflege etwas vernachlässigt. Da es in Portugal im Moment ungewöhnlich trocken ist, habe ich mich bloss ein paarmal an einem Fluss mit Wasser oder See waschen können. Viele Flüsse waren ausgetrocknet. Meist reichte das mitgenommene Wasser nur als Trinkwasser bis zum nächsten Ort und zum abendlichen Zähneputzen. Also bloß nichts zum Waschen verschwenden. Umso größer war meine Freude, unterwegs einmal von lieben Menschen nach Hause eingeladen zu werden. Ich konnte eine wohltuende Dusche genießen und sogar meine Wäsche waschen. Außerdem habe ich die wunderbare Gesellschaft, das leckere Abendessen und Frühstück und eine Nacht im Bett richtig genossen.
Oft werde ich unterwegs gefragt, ob ich keine Angst habe, als Frau alleine mit Zelt unterwegs zu sein. Natürlich schlafe ich unterwegs nicht so ruhig wie zu Hause in meinem Bett. Manchmal werde ich dann doch gesehen, wenn unerwartet am Abend noch ein Auto oder Motorrad vorbeifährt. Auch Naturgeräusche sind nachts beeindruckender als am Tag. Jedoch habe ich mich auf all meinen Zeltplätzen sicher gefühlt. Das einzig wirklich gefährliche unterwegs waren freilaufende Hunde, die aggressiv sind und versuchten, mich zu beissen. Ich habe diese oft mit meinen Wanderstöcken auf Distanz halten können und dann versucht, meist rückwärts gehend, so schnell wie möglich aus ihrem Territorium zu verschwinden. Eine Erleichterung war das Eingreifen der Herrchen oder Frauchen, falls diese in Sicht- und Hörweite waren. Glücklicherweise ist nichts passiert.
Der erste Teil des Weges ist besonders ruhig und einsam und führt in ständigem auf und ab durch kleine Bergdörfer. Ab Salir werden die Orte größer und die Landschaft wird teilweise von Anbau und Landwirtschaft geprägt. Der Weg führt auch durch das schöne Städtchen Silves, wo ich mir ein Zimmer in der gemütlichen Pension Canivete und einen Nachmittag Pause zur Stadtbesichtigung gegönnt habe. So konnte ich den Schlenker durch die Stadt ohne Gepäck machen und am nächsten Morgen direkt von der Pension aus Richtung Berge starten. Ausgeruht und gut mit Wasser und Lebensmitteln bepackt konnte ich den Anstieg nach Monchique beginnen. Jedoch hat es kurz vor dem Abzweig zum Picota-Gipfel zu regnen begonnen. So habe ich in einem Bushäuschen an der kaum befahrenen Bergstrasse Mittagspause gemacht. Der Regen wurde aber immer kräftiger und es zog ein Gewitter auf. Zwei Wanderer sind umgekehrt, weil der Weg zu gefährlich wurde. Sie haben mir für das Stückchen bis Monchique eine Mitfahrgelegenheit angeboten, die ich dankbar angenommen habe. Dort habe ich in einer Pension ein Zimmer genommen mit einer warmen Dusche und einem trockenen Bett, eine Wohltat. Im Café-Restaurant gegenüber habe ich zwei nette Wanderer kennengelernt und so hat das schlechte Wetter mir einen tollen Abend und schöne Gesellschaft geschenkt.
Bis Vila do Bispo war der Weg sehr ruhig, ich bin insgesamt nur sechs Wanderern begegnet und habe diese Begegnungen sehr geniessen können. Touristen gab es lediglich in Silves und Monchique, alles in überschaubaren Maßen. Jedoch war auf der Etappe von Vila do Bispo bis zum Cabo de São Vicente die Hölle los. Es wimmelte nur so von (Tages-)wanderern, Radfahrern, Mietwagen und Wohnmobilen. Alle auf dem Weg zum Leuchtturm. Nach tagelanger Ruhe war dies doch ein kleiner Schock. Und schon war es da, das Ende meiner Fernwanderung. Und glücklicherweise gleich der Anfang für die nächste Tour.
Fazit:
Die Via Algarviana ist ein wunderbarer Wanderweg, um alleine unterwegs zu sein, Ruhe und Natur zu geniessen. Es gibt jeden Tag wunderschöne Aussichten und kleine Dörfer für die Verpflegung. Trotz Hitzewelle bin ich froh, dass ich die Wanderung im April gemacht habe. Alles blüht und der Duft der Natur ist überwältigend.